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| Glauben Christen, Muslime und Juden an den gleichen Gott? - Wir meinen ja! |
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Von Michael Blume Wenn man sich in Süddeutschland im christlich-islamischen und islamisch-christlich-jüdischen Gespräch engagiert, wird man immer wieder von vielen Menschen (meist evangelischen Christen) gefragt oder oft auch recht aggressiv angegangen: Glauben denn Christen, Muslime und Juden an den gleichen Gott? Oder ist „der Gott der Muslime“ nicht doch eher ein Anderer, mithin „ein Götze“ oder gar der Antichrist selbst? Und wenn das so ist – machen dann Dialog und Gespräche überhaupt Sinn; oder sind wir nicht solange „Feinde“ bis sich eine Religion durchgesetzt hat? Es wird deutlich, wie wichtig diese Frage für Frieden und Zusammenleben ist; und wie verletzend und hasserfüllt auch das Christentum werden kann, wenn es anderen jeden wahren Bezug auf Gott abspricht – wie es ja bereits Jahrhunderte gegenüber den Juden praktiziert wurde. Aber einige übernehmen die früheren, antijüdischen Vorurteile heute eben gerne gegenüber den Muslimen... Als christlicher Vorsitzender der Christlich-Islamischen Gesellschaft Region Stuttgart e.V., selbst glaubender, evangelischer Christ und Student der Religionswissenschaften möchte ich in diesem Artikel begründen, warum wir inzwischen sehr fest der Meinung sind: JA – Christen, Muslime und Juden glauben an den Einen Gott. Dies ist übrigens längst keine „Minderheitenmeinung“ mehr! Sie entspricht ausdrücklich der jüdischen wie der islamischen Lehre und wird längst auch vom Lehramt der katholischen Kirche und von immer mehr evangelischen Theologen vertreten. Eher schon müssen wir uns fragen: Wie kommen immer noch viele Christen dazu, anzunehmen, in dieser Welt würden neben Gott andere „Götter“ wirken? Schauen wir uns die Argumente dieser Christen an, so stoßen wir insbesondere auf folgende Punkte: 1. Im sogenannten „Heilsexklusivismus“, wonach beansprucht wird, dass nur die Anhänger der eigenen Religion ins Paradies kämen. Im Christlichen selbst beruft man sich dabei gerne auf Jesu Worte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben – keiner kommt zum Herrn denn durch mich.“ 2. Durch den Bezug vor allem auf die „apostolischen“ Briefe, die Bestandteil des Neuen Testamentes geworden sind. Als ein deutliches Beispiel hierfür sei Joh 2,22 ff. genannt: „Wer ist ein Lügner, wenn nicht der, der leugnet, daß Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet. Wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, der hat auch den Vater.“ 3. Durch die Tatsache, dass der Islam die „Dreieinigkeit“ nicht anerkennt, Jesu „Gottessohnschaft“ zurückweist und es auch über das Verständnis der Kreuzigung Jesu sehr unterschiedliche Punkte gibt. 4. Und schließlich noch einige Urteile wie z.B.: Der Islam sei gewalttätig, frauenfeindlich, nicht von Liebe geprägt und eine „Werkreligion“, in der man sich das Paradies mit Werken „verdienen“ müsse. Bei näherem Nachforschen hat jedoch keiner dieser vier populären „Argumente“ vor Glauben und Schrift Bestand: 1. Kein „Heilsexklusivismus“ in Islam, Judentum und Christentum!- IslamSchon bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass der „Heilsexklusivismus“ zwar in allen Religionen von Extremisten vertreten wurde und wird, sich jedoch keinesfalls zwingend aus dem Glauben ergibt! So bekennt der Quran in einer der Suren, die zuletzt offenbart wurden: „Für jeden von euch haben Wir Richtlinien und eine Laufbahn bestimmt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Er wollte euch aber in alledem, was Er euch gegeben hat, auf die Probe stellen. Darum sollt ihr um die guten Dinge wetteifern. Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren; und dann wird Er euch das kundtun, worüber ihr uneins wart.“ (5:53) Es ist dies übrigens jene Quran-Stelle, die Lessing maßgeblich zur Ausgestaltung seiner berühmten Ringparabel in „Nathan der Weise“ inspiriert hat. Noch deutlicher wird der Quran in Sure 2:62: „Wahrlich, diejenigen, die glauben, und die Juden, die Christen und die Sabäer, wer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und Gutes tut - diese haben ihren Lohn bei ihrem Herrn und sie werden (am Jüngsten Tag) weder Angst haben noch werden sie traurig sein.“ Damit wir uns nicht falsch verstehen: wie Judentum und Christentum auch kennt der Quran deutliche Worte, um die eigene Identität gegenüber den anderen Religionen zu wahren. Aber nur Extremisten, die den Quran missbrauchen, können behaupten, jeder Nichtmuslim sei automatisch ein Fall für die Hölle... - JudentumNoch deutlicher ist die Aussage im Judentum – auch hier gibt es von Anfang an die Vorstellung, dass auch Nichtjuden das Paradies erlangen können: Ja, Konvertiten zum Judentum werden sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, wie der jüdische Rabbiner und Professor Leo Trepp beschreibt: „Der Rabbiner weist darauf hin, dass hinsichtlich des Seelenheils ein Nichtjude keineswegs als minderwertiger oder weniger begünstigt gilt als ein Jude, ein Jude (aus: Leo Trepp, „Die Juden – Volk, Geschichte, Religion“, rororo 1998, S. 378) Diese Haltung bezieht das Judentum (von den liberalen bis zu den orthodoxen Richtungen) aus der Bibel selbst – genauer gesagt aus 1.Mose 9,8 ff., dem „Noachidischen Bund“, einem jener Bibeltexte, die wir Christen wohl lange Zeit am meisten unterschätzt haben, obwohl sie einen ewigen (!) Bund mit allen Menschen einschließt! „12Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: 13Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. 14Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 15Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. 16Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist. 17Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.“ Nach jüdischem Glauben konnten also auch Nichtjuden das Heil erlangen, konnten auch Christen und Muslime als „B’nei Noach“ (Söhne Noahs) gezählt werden! Auch, dass Abraham den nichtjüdischen Priester Melchisedech in Salem (heute: Jerusalem!) anerkennen kann (1. Mose 14,18), dass Moses den ebenfalls nichtjüdischen Priester und seinen Schwiegervater Jethro sogar um Rat fragt (2. Mose 18,1) – und dass sogar der Prophet Hiob selbst als Nichtisraelit vorgestellt wird (Hiob, 1,1!), all dies belegt aus jüdisch-biblischer Sicht klar das Wirken Gottes auch in anderen Völkern! Und zur Zeit Jesu gab es übrigens bereits Nichtjuden, die sich ausdrücklich dem „Noachidischen Bund“ unterstellten, ohne Juden zu werden: wir treffen sie zum Beispiel in der biblischen Apostelgeschichte (Apg. 17,4) und viele von ihnen wurden Christen! Aus jüdischer Sicht ist übrigens - trotz aller Konflikte! - auch klar, dass der Abrahamssohn Ishmael tatsächlich der Stammvater der Araber und Muslime ist, tauchen doch seine Stämme schon in 2.Könige in der Tat als Bewohner der arabischen Wüste auf, so gibt es doch auch gar kein anderes, großes Volk, das sich entsprechend dem Versprechen Gottes auf Ishmael bezieht – und ist sogar die muslimische Pilgerfahrt entsprechend dem biblischen Bericht (!) von der Verzweiflung der Hagar gestaltet! Im offiziellen, deutschen Thorakommentar von W. laut werden Sie also auch Quran-Kommentare finden – und selbst ein streng-orthodoxer Jude wird Ihnen bestätigen, dass Juden und Muslime ohne Zweifel den gleichen Gott anbeten! Übrigens widerlegt dieses Beispiel auch, dass ein Anerkennen des Anderen „automatisch“ eine Schwächung der eigenen Identität bedeute: das Judentum hat von Anfang an den Gottesbezug der anderen Religionen nicht geleugnet und doch Jahrtausende sogar in der Diaspora und unter zeitweise schlimmster Intoleranz seine Identität wahren können! - ChristentumJesus war selbst Jude und hat mehrfach versichert, dass er die Religion seiner Vorfahren ja eben nicht aufheben wollte. Und sollte die „Frohe Botschaft“ tatsächlich daraus bestehen, dass nunmehr Millionen und Milliarden Nichtchristen jeder Zugang zum Heil verschlossen würde, der ihnen aus jüdischer Sicht noch zugekommen wäre? Selbstverständlich begegnen wir nach christlichem Glauben allein in Jesus „dem Weg, der Wahrheit und dem Leben“ – und nach unserem Glauben ist ja auch er der Richter zur Rechten des Vaters, also „kommt keiner zum Vater denn durch Ihn“! Aber Jesus selbst hat deutlich gemacht (Mt 7,21!): 2. Und die „apostolischen Briefe“?Nun, diese wenden sich doch eindeutig an die „christlichen“ Gemeinden, hier mahnend und Irrlehren abwehrend! So wie im Judentum und im Islam auch gelten für die Angehörigen der eigenen Religion naturgemäß strenge Maßstäbe, damit eben der eigene Glaube nicht verwaschen und relativiert werde! So wurden etwa die Juden bei Todesstrafe (!) gemahnt, in ihren Reihen keinen „Götzendienst“ aufkommen zu lassen (2.Mose 22,19) und nicht zu meinen, alle anderen Religionen dieser Welt seien mit Feuer und Schwert zu vernichten! Ja, es wäre eben nach geradezu grotesk und auch unbiblisch, die Mahnungen im „Innenverhältnis“ einfach auf andere Religionen im „Außenverhältnis“ zu übertragen – und damit schlimmste Intoleranz, Fanatismus und Unfrieden hervorzurufen! Aus all dem Gesagten hat die katholische Kirche bereits seit längerem die Konsequenz gezogen. Auf höchster lehramtlicher Ebene als „Dogmatische Konstitution des 2.Vatikanischen Konzils“ lehrt sie: Bereits im Jahre 1076, ein halbes Jahrtausend vor der Reformation, hatte Papst Gregor VII. an Sultan an-Nasir geschrieben, dass Christen und Muslime einander in Nächstenliebe annehmen sollten, „denn wir anerkennen und bekennen –in verschiedener Weise, das ist wahr- einen einzigen Gott, den wir jeden Tag als Schöpfer der Jahrhunderte und Herrn dieser Welt loben und der nach dem Wort des Apostels unser Friede ist“. Man mag den katholischen Geschwistern zustimmen oder nicht – aber dass man aus der Bibel schließen „müsse“, der Gott der Muslime sei ein anderer als der unsere, kann nun wirklich nicht (mehr) behauptet werden! 3. Dreieinigkeit, Gottessohnschaft, Kreuz ChristiIn diesen drei Punkten entstehen wohl die heftigsten Kontroversen zwischen Christentum und Islam – und erst sehr langsam wächst das gegenseitige Verständnis. Denn auch diese lehnen selbstverständlich die „Dreieinigkeit“ für sich ab und dass Jesus „Gott selbst“ sei, ebenso. Das Kreuzigungsgeschehen hat aus jüdischer Sicht ebenfalls keinen „heilsgeschichtlichen“ Charakter. Es wird schnell deutlich: wer auf dieser Schiene argumentiert, wärmt alte antijüdische Vorurteile neu gegenüber dem Islam auf und fällt zurück in die furchtbare Intoleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen, die das Christentum lange Zeit so verzerrt hat! Denn wenn Gott dem Ishmael vorhersagt, er werde dereinst „mitten unter seinen Brüdern“ leben und sie „alle herausfordern“ (1. Mose 16,12), so können wir dies heute so annehmen: dass Gott uns gerade durch den Islam herausfordern will, uns selbst klar zu werden, es darzulegen, aber vor allem vorzuleben, was „Vater, Sohn Es ist dies eine Herausforderung, die uns bereichern kann, wenn wir uns Gott und der Bibel dabei neu zuwenden, die Bergpredigt nicht nur vorlesen, sondern gerade gegenüber anderen beherzigen. Und von Liebe, Glaube und Hoffnung nicht nur predigen, sondern versuchen, diese gerade auch gegenüber Nichtchristen zu leben. 4. Die Zustände in der islamischen Welt heuteAuch Muslime bestreiten nicht, dass der momentane Zustand der islamischen Welt weit von dem entfernt ist, was sie als Ideal ihrer Religion anerkennen. Umgekehrt aber steht es uns Christen gut an, anzuerkennen, dass es ja eben Jahrhunderte gab, in denen Christen und Juden unter islamischer Herrschaft leben und sich entfalten konnten, in denen uns die islamische Welt an Wissenschaften, Freiheiten und Kultur weit voraus war – während auf Muslime, Juden, heilkundige Frauen und auch kritische Christen in Europa (und zwar sowohl unter katholischen wie evangelischen Regimenten) noch Verfolgung, Zwangstaufen oder Scheiterhaufen angesetzt waren! Wenn wir uns von Menschen wünschen, sie mögen das Christentum nicht an seinen dunkelsten Zeiten messen, sollten wir selbst es auch nicht bei anderen tun. Wenn wir bei Gott um Vergebung bitten für die Verfehlungen von uns und unserer Kirchen in Vergangenheit und Gegenwart, so sollten wir diese Versöhnungsbereitschaft auch anderen entgegenbringen – denn an den Maßstäben, nach denen wir richten, werden wir gerichtet werden (Jesus nach Lk 6, 36 ff.). Gott hat uns Christen in Deutschland heute Zugang zu Bildung, Wohlstand, Demokratie und auch Frieden geschenkt, wie es dies in der Geschichte nicht gab. Ich denke, damit ist aber auch die Verantwortung verbunden, mehr denn je in Liebe und Engagement auf andere zuzugehen und Frieden selbst vorzuleben, bevor wir ihn von anderen Erdteilen - die es oft sehr viel schwerer haben - in flammenden Appellen verlangen. Das alles heißt eben gerade nicht, dass kritische Punkte - wie das Leben der christlichen Minderheiten in islamischen Ländern - nicht immer wieder angesprochen werden sollten. Aber es heißt auch nicht, Menschen, die hier leben, für Zustände verantwortlich zu machen, die sie nicht begangen haben. Auch ich habe es erlebt und nicht gemocht, wenn mich Menschen als Christ für die Massaker in Bosnien und Tschetschenien und die oft einseitige und zynische Politik des Westens gegenüber den Muslimen und Armen der Welt verantwortlich gemacht haben. Christen, Muslime und Juden beten ohne Zweifel auf unterschiedliche Weise den Einen Gott an. Dies einander anzuerkennen, weiterhin nach Gemeinsamkeiten zu suchen und zu lernen, über Unterschiede zu sprechen, vor allem aber „im Guten zu wetteifern“, könnte der beste und schönste Beitrag sein, den das europäische Christentum in dieser Zeit für den Frieden dieser Welt leisten kann.
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