...Wir wollen Verständniss füreinander wecken und im Guten miteinander wetteifern, weil mit einem "Gegeneinander" keine gute Zukunft möglich ist!
 
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Reise durch die Religionen 2010
Wege des Friedens - Rede von Murat Aslanoglu PDF Drucken

Podiumsgespräch am 18. Oktober 2000 in Stuttgart
Wege des Friedens – die katholische Kirche und die Muslime

Rede von Murat Aslanoglu,
muslimischer Vorsitzender der CIG Region Stuttgart e.V.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

Ich werde im Dialog oft von Christen darauf angesprochen, dass sie das Gefühl haben, dass viele Muslime ihren Glauben ernsthaft praktizieren. Gleichzeitig beklagen sie sich darüber, dass vielleicht nur noch 5% bis 10% der Menschen hierzulande ihren christlichen Glauben praktizieren. Ich hingegen denke, dass immer mehr Menschen sich von Gott abwenden – auf der ganzen Welt und unabhängig davon welchen religiösen oder nationalen Hintergrund sie haben.

Überall auf der Erde nimmt der Materialismus und der schleichende Verfall von Werten zu. Ein Ansatz, sich der gemeinsamen Verantwortung religiöser Menschen bewusst zu werden, ist der Dialog und die Zusammenarbeit miteinander. Dabei sollten Juden, Christen, Muslime und auch Angehörige weiterer Religionen nicht nur theologische Inhalte austauschen. Vielmehr ist es notwendig, gemeinsam aus dem Glauben heraus zur gesellschaftlichen Entwicklung beizutragen.

Mein Leitsatz lautet dabei: Global denken, lokal handeln. Also zuallererst hier in Stuttgart und Umgebung. So kam ich vor zwei Jahren zum Dialog mit Christen und bald auch mit Menschen jüdischen Glaubens. Warum überhaupt Dialog? Zuerst, um Wissenswertes zu erfahren, vorgefertigte Meinungen zu überdenken und Zusammenhänge zu erkennen. Dadurch kann ich ein besseres Verständnis für das mir bisher Unbekannte erlangen. Und ein gutes Verständnis kann auch bald zu einer guten Verständigung führen – zu einem friedlichen und freundlichen Zusammenleben. Grundlage hierfür ist die Bereitschaft, die Glaubensgrundsätze des Anderen wirklich verstehen zu wollen. Oft sehen wir die Dinge ja nur aus unserer eigenen Perspektive. Im Gespräch miteinander können wir hingegen sehr viel Neues dazu lernen. Dabei ist auch kritisches Nachfragen sinnvoll, um Klarheiten zu gewinnen. Persönliche Voreingenommenheit oder Überlegenheitsgefühle der eigenen Religion sind dann hoffentlich nur noch schlechte Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Ich möchte Ihnen heute die islamische Haltung zu den anderen Religionen vorstellen und mich auf einige Verse aus dem Qur’an berufen. Er hat für uns Muslime eine so zentrale Bedeutung wie für Juden die Thora oder für Christen Jesus, der Sohn der Maria. Ausgangspunkt ist die Aussage, dass die Vielfalt der Religionen und der Lebensweisen unter den Menschen von Gott gewollt ist. Im Qur’an lesen wir:

„Für jeden von euch haben Wir Richtlinien und einen Weg bestimmt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Er aber wollte euch in alledem, was Er euch gegeben hat, auf die Probe stellen. Darum sollt ihr um die guten Dinge wetteifern. Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren; und dann wird Er euch das kundtun, worüber ihr uneins waret.“ (Sure 5, Vers 48)

Das heißt für mich in erster Linie, dass die von Gott inspirierten Religionen Wahrheit beinhalten. Danach zu forschen und darüber nachzudenken ist die Pflicht eines jeden gläubigen Menschen. Wir sollen uns in erster Linie bemühen, Gutes zu tun und zu verkünden. Die Entscheidung darüber, was denn nun genau die Wahrheit ist, liegt allein bei dem einzigen Gott, der uns geschaffen hat und zu dem wir zurück kehren werden. Da diese Religionen ihre Existenzberechtigung haben, kann es auch nicht darum gehen, vorhandene Unterschiede zu leugnen oder gar Religionen miteinander zu vermischen. Das Wetteifern im Guten hat nicht nur Lessing und seinen Nathan inspiriert. Es ist die Basis für einen aufrichtigen und gleich berechtigten Dialog, wenn wir davon ausgehen, dass jeder für sich selbst und seine Taten verantwortlich ist.

Auch in diesem Sinne können wir die Worte Jesu verstehen, wenn er zu den Menschen in der Bergpredigt spricht: „Verurteilt nicht andere, damit Gott euch nicht verurteilt. Denn euer Urteil wird auf euch zurück fallen, und ihr werdet mit dem selben Maß gemessen, das ihr bei anderen anlegt. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“

(Matthäus 7, 1-3)


Gott lässt unser Streben nach dem Guten nicht verloren gehen - egal, ob wir Juden, Christen oder Muslime sind - so lange wir an Ihn und an den Jüngsten Tag glauben und Gutes tun. Diese Menschen werden im Jenseits weder Angst haben noch werden sie traurig sein. (Sure 2, Vers 62) Dies beruhigt mich sehr. Und ich bin Gott dankbar dafür, dass er die Vielfalt der Einfalt vorzieht. Jeder soll seinen eigenen Glauben in Wort und Tat bezeugen können. Dabei gilt es im Dialog mit den Gemeinsamkeiten der Religionen zu beginnen. Und es gibt viele Gemeinsamkeiten, für die es sich lohnt, sich zu engagieren, um unsere Gesellschaft menschlicher zu gestalten:

Am Anfang steht die Suche nach innerem seelischen Frieden des einzelnen Menschen. Dies können wir durch Bewusstwerden der Existenz und Liebe Gottes erlangen. Denn im Gedenken Gottes finden die Herzen Trost und Frieden. (Sure 13, Vers 28). Menschen, die ihre Verbindung zu Gott aufrecht erhalten, sind auch zu friedlichen zwischenmenschlichen Beziehungen fähig. Sie können durch Begegnung und Kennenlernen die Verschiedenheit der Menschen als eine Bereicherung erkennen. Im Qur’an heißt es hierzu: „Und unter Seinen Zeichen sind die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Hierin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden.“ (Sure 30, Vers 22)

Wir können also viel voneinander lernen. Wir können genauso gut auch viel füreinander tun und uns gegenseitig in unserem Glauben stärken. Wir können uns in unserem Streben nach Gutem und dem Abwenden von Schlechtem zur Seite stehen und unterstützen. Gott wird dabei denen beistehen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen: Wir erfahren im Qur’an: “Und würde Gott nicht die einen Menschen durch die anderen im Zaum halten, so wären gewiss die Gebetshäuser, Klöster und Kirchen, Synagogen und Moscheen nieder gerissen worden, worin der Name Gottes oft genannt wird. Gott wird sicherlich dem beistehen, der Ihm beisteht. Er ist wahrlich Allmächtig, Erhaben.” (Sure 22, Vers 40)

Sie erkennen vielleicht was ich sagen will. Die gläubigen Menschen müssen zueinander halten. Wir sind zwar oft mit dem Herzen auf der Seite der gerechten und würdevollen Menschen. Jedoch wird in unserer heutigen Zeit massiv und gekonnt auf uns eingewirkt, dass Religion nicht mehr zeitgemäß – sprich modern – sei. Ich frage Sie: Kann es einem gläubigen Menschen wirklich nur darum gehen, dem Zeitgeist zu entsprechen, der die Religionen ganz aus dem öffentlichen Leben verbannen will? Ist es nicht viel wichtiger, aus dem Glauben heraus Antworten auf die Fragen des heutigen Lebens zu suchen statt sich einfach anzupassen, in der Menge unter zu gehen? Ich bin mir sicher - die Zusammenarbeit der drei monotheistischen Religionen in Deutschland wird zu einer gegenseitigen Stärkung führen.

Lassen Sie mich zum Abschluss kommen. Die Freiheiten, die uns dieses Land gewährt, sollten wir auch im Sinne unserer gemeinsamen Werte nutzen. Mir persönlich geht es dabei zum einen darum, die Spiritualität in meinem Leben zu erweitern – auch, indem ich mehr über die beiden weiteren abrahamitischen Religionen erfahre und diese erlebe. Zum anderen wünsche ich mir, dass viele Versäumnisse der letzten Jahrzehnte wieder aufgeholt werden können, um die muslimischen Menschen hierzulande in die deutsche Gesellschaft einzubinden - mit ihrem eigenen Glauben. Zum Schluss noch ein Appell von Frau Dr. Schavan an die Bevölkerung in Deutschland, dem ich mich nur anschließen kann:

„Nur die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Islam als Religion vieler Mitbürgerinnen und Mitbürger kann zur wünschenswerten Integration in die deutsche Gesellschaft führen. Dabei ist Begegnung gefragt, nicht Abschottung.“ (Referat beim Theologischen Kongress der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, Karlsruhe, 11. März 1999)

 
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